Das moderne Vorarlberg. Ein Land des Unternehmens, des Fleißes, des Vordenkens. Ein wohlhabendes und schönes Land. Ein Land, in dem man leben möchte.

Aber: Was bedingt unsere heutige, glückliche Situation? Wie war das früher? Können wir aus der Vergangenheit etwas lernen?

Begeben wir uns auf eine Zeitreise und ziehen eine Parallele zwischen zwei unterschiedlichen Modellen von Vorarlberger Arbeitskraft im Ausland.

Der Barock und die Vorarlberger

In der Mitte des 17. Jahrhunderts – die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges waren überstanden und die Menschen entdeckten ihre Lebensfreude wieder – entwickelte sich ein neuer Trend: Überall in Europa entstanden Barockbauten. Motiviert von Frömmigkeit und der Sehnsucht, die himmlische Herrlichkeit auf Erden abzubilden. Es war in jener Zeit, in der sich Menschen aus unserer Region zu Exporteuren von Expertise und Knowhow aufschwangen. Ja, richtig: Barockbaumeister aus Vorarlberg waren damals im Umland der Renner und erhielten einen Auftrag nach dem anderen.

Die Wallfahrtskirche Birnau am Bodensee (siehe Bilder 1 und 2) wurde von Peter Thumb, einem gebürtigen Bregenzerwälder entworfen und erbaut. Dieser Peter Thumb war Mitte des 18. Jahrhunderts niemand geringerer als der führende Architekt im süddeutschen Raum.

Weitere prachtvolle Kirchen wurden in Kempten, in St Gallen, in Einsiedeln (Bild 3) und gar im fernen Elsass von Vorarlbergern errichtet. Sie alle zeugen von der Fertigkeit dieser Menschen und geben einen imposanten Einblick in die Gefühlslage der damaligen Gesellschaft.

Wie aber schafften es die Handwerker aus dem kargen, hinteren Bregenzerwald sich zu führenden Baumeistern aufzuschwingen?

Durch Know-how und handwerklichem Geschick zum Erfolg

Um 1650 hatte Michael Beer aus Au eine Idee. Er begründete eine Handwerkerzunft, die sich dem Bau von Barockbauten widmen sollte. Die „Auer Zunft“ brachte Baumeister, Maurermeister, Zimmerleute, Steinmetze und Stuckateure zusammen.

Enge persönliche Verbundenheit war ein Pfeiler des Erfolges. Die Handwerker und Bauleute stammten ursprünglich aus den kleinen Dörfern des hinteren Bregenzerwaldes, hauptsächlich aus Au, Schoppernau und aus Bezau.

Neben den Naheverhältnissen waren es aber vor allem die überdurchschnittliche Ausbildung und die Bereitschaft der ständigen Weiterbildung, die diese Menschen zu den so begehrten Experten machten. Nach der Saison kehrten die Baumeister und ihre Handwerker zurück in die Heimat und verbrachten den Winter damit, sich auszutauschen und ihr Wissen und Können zu verbessern.

Auf diese Art und Weise bildete die Auer Zunft ein Magnet für begabte Handwerker aus ganz Vorarlberg. Sie war sozusagen der „Hotspot“ der Vorarlberger Bauhandwerkerkunst.

Der Wirtschaftszweig des Barockbaus war so erfolgreich, dass zwischen 1670 und 1699 beinahe die gesamte männliche Bevölkerung in Au und Schoppernau ihren Lebensunterhalt im Bauhandwerk verdiente.

Vom Wandel profitiert derjenige, der mit der Zeit geht…

Später, etwa von 1720 bis 1740 ging die Kunstrichtung des Barocks allmählich in den Rokoko über, der dem Barock in seinen Eigenschaften jedoch sehr ähnelt. Aus diesem Grund war es für die Baumeister recht einfach, sich auf diesen Wandel ein- und umzustellen. Die Wallfahrtskirche Birnau, die genau in dieser Übergangszeit gebaut wurde, belegt dies.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts aber setzte sich innert weniger Jahre eine ganz neue Stilrichtung durch: Der Klassizismus. Diese rapide Entwicklung traf die Baumeister aus Vorarlberg unvorbereitet. Deren Spezialisierung auf den Barockbau war nun nicht mehr gefragt. Somit war ihrer wichtigsten Einkommensquelle die Grundlage entzogen…

Strukturwandel… in eine ungünstige Richtung

Den ehemaligen Pionieren des Barockbaus blieb nichts anderes übrig, als sich wieder der Landwirtschaft zu widmen. Das war jedoch problematisch.

Die Höfe nämlich waren damals von überschaubarer Größe und warfen einen dementsprechend bescheidenen Ertrag ab. Diese Situation wurde durch das vorherrschende Erbprinzip der Realteilung weiter verschärft: Dieses Prinzip bewirkte, dass die ohnehin schon kleinen Landwirtschaften unter allen Kindern zu gleichen Teilen vererbt wurden und so aus Kleinparzellen Kleinstparzellen entstanden. Davon war sehr schwer zu leben.

Ein (ziemlich drakonischer) Lösungsansatz…

Besonders in kinderreichen Bauernfamilien reichte das bescheidene Anwesen oft nicht aus, alle hungrigen Kinder satt zu bekommen. Um die Anzahl der hungrigen Münder zu Tische zu verringern, wurden die Kinder ab dem Volksschulalter ins wohlhabendere Schwabenland geschickt.

Dort sollten sie sich auf den Höfen als saisonale Hilfskräfte verdingen. So wurden – zumindest nach Ansicht der Eltern – zwei Fliegen mit einem Streich erwischt: Die Kinder entkamen so für einige Zeit der Not zuhause und verdienten gleichzeitig ein wenig Geld für ihre Familien.

Der harte Alltag der Schwabenkinder

Nach der Ankunft im Schwabenland wurden die minderjährigen Arbeitskräfte auf dem Ravensburger Kindermarkt an Landwirte aus der Umgebung verkauft. Der Preis stieg und fiel mit der körperlichen Gesundheit und Kraft. Die Kinder sollten schließlich anpacken können.

In vielen Fällen waren die Arbeitsbedingungen sehr hart. Lange Tage und Wochen mussten die Kinder die schwere Landarbeit verrichten: Stallen, Misten, Melken, Vieh hüten und pflegen, Arbeiten an Haus und Hof verrichten und Heu einbringen. Frei bekamen sie meist nur an Sonntagen. Ein hartes und entbehrendes Leben.

Der Zusammenhang…

Diese beiden Episoden der Vorarlberger Wirtschaftsgeschichte könnten zwar unterschiedlicher kaum sein, aber dennoch können sie zueinander in Verbindung gebracht werden. Vor allem aber verdeutlichen sie, wie ausschlaggebend die wirtschaftliche Lage einer Region für das Wohl und das Schicksal der ansässigen Bevölkerung ist.

Die Handwerker entwickelten sich durch Mut, durch praktische Erfahrung und mittels ständiger Weiterbildung zu den Pionieren des Barockbaus, die sie für das Ausland derart attraktiv gemacht haben. So schafften sie Wohlstand für sich, für ihre Familien und für die ganze Region.

Da der Trend der Barockbauten jedoch später abebbte und die Baumeister nicht mehr gefragt waren, hörte auch ihr Einkommenszweig auf zu existieren.

Nur etwas mehr als ein Jahrhundert liegt zwischen der Blüte der Bauhandwerkerkunst und dem Höhepunkt der sklavenähnlichen Verdingung von Minderjährigen. Sie kamen aus derselben Region, aus denselben Dörfern, in manchen Fällen sogar aus derselben Verwandtschaft. Kaum zu glauben, dass der Ur- oder Ururgroßvater eines Schwabenkindes unter Umständen ein wohlhabender Baumeister hätte gewesen sein können.

Was wichtig ist…

Daraus kann eine wichtige Erkenntnis gewonnen werden: Das Verpassen von Entwicklungen wirkt sich mitunter verheerend auf den Wohlstand einer ganzen Region aus.

Dementsprechend ist die Bereitschaft, eine offene, neugierige Einstellung gegenüber dem Wandel zu haben, entscheidend. Darüber hinaus braucht es die Fähigkeit, sich auf das Neue einstellen zu können und die Kompetenzen flexibel und marktnah in den richtigen Bereichen auszubauen. Nur so kann eine hohe Innovationsdynamik die Zukunftsfähigkeit sichern. Ganz so, wie es die Vorarlberger Barockbaumeister zu ihrer Blütezeit praktiziert haben.

Das Vorarlberg von heute befindet sich gerade in einem ähnlichen Prozess. Die hohe Exportquote, Technologieführerschaft in vielen Bereichen und ein anhaltendes Wirtschaftswachstum begünstigen die Ausgangslage.

Wir müssen aber den Fortgang der anhaltenden Veränderungen sorgfältig im Auge behalten und uns dementsprechend weiterentwickeln.

Heute dürfen die Bewohner unserer schönen Region einen zuvor ungesehenen Wohlstand genießen. Wir sollten die Erfahrungswerte aus der Vergangenheit für die Gestaltung einer erfolgreichen, wohlhabenden und somit auch schönen Zukunft nutzen.

Bild 1: Kirche Birnau, errichtet von Peter Thumb (gebürtig aus Bezau) zwischen 1746 und 1749
(c)Dr János Korom; Flickr, parts trimmed

Bild 2: Barockkirche Birnau
(c)Sílvía Martín; Flickr

Bild 3: The Monastery of Einsiedeln, errichtet zwischen 1674 und 1735. Die Pläne stammten aus der Feder von Caspar Moosbrugger aus Au, mit den Bauarbeiten war sein Bruder, Johann Moosbrugger, beauftragt.
(c)Kecko; Flickr

Anton Herburger ist Student an der St. Mary’s University in London und absolvierte von Juni bis Juli 2018 und von Juli bis August 2019 ein Praktikum bei der Wirtschafts-Standort Vorarlberg GmbH.

Er interessiert sich für seine Heimat Vorarlberg, Hintergrundgeschichten, Wirtschaft und Wirtschaftsformen, Ökonomie, Wohlstand und Fortschritt.

Quellenverzeichnis

  • Au-Schoppernau [online] Abgerufen am: 26.6.2018
  • Die Schwabenkinder, Perlentaucher [online] Abgerufen am: 26.6.2018
  • Vorarlberg – Barockbaumeister [online] Abgerufen am: 26.6.2018
  • Die Schwabenkinder, 2002, Autor: Elmar Bereuter, F.A. Herbig
  • Peter Thumb. In: archINFORM. [online] Abgerufen am: 26.6.2018
  • Die Schwabenkinder.eu [online] Abgerufen am: 26.6.2018
  • Rezensionsnotiz der NZZ zu „Die Schwabenkinder“, 2003 [online] Abgerufen am: 26.6.2018
  • VIZ_Vorarlberg in Zahlen, 2016 [online] Abgerufen am: 26.6.2018

©Kecko; Flickr

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