Absolventen von MINT-Studiengängen sind auf den Arbeitsmärkten stark nachgefragt. Dementsprechend haben sie für ihren Berufseinstieg viele Möglichkeiten.

In Vorarlberg stellt sich diese Situation noch verstärkt dar. Warum? Weil Industrie und Gewerbe in Vorarlberg sehr stark exportorientiert sind, was nicht ohne Technologieführerschaft in vielen Bereichen ginge. Es ist also wenig verwunderlich, dass Vorarlberger Unternehmen in allen technischen Bereichen motivierte und gut ausgebildete Fachkräfte suchen.

Durch das Fehlen einer Universität in Vorarlberg sind die Berufschancen für diejenigen, die nach Vorarlberg zurückkehren, besonders gut und Vorarlberger Betriebe bieten – eben ausgelöst durch die starke Orientierung am Export – oft attraktive internationale Karrierechancen.

Darüber hinaus hat ein Leben und Arbeiten in Vorarlberg weitere Vorteile. Da wären beispielsweise die kurzen Wege, starke soziale Strukturen („Jeder kennt Jeden“), eine hohe Sicherheit, vielfältige Outdoor- und Freizeitangebote und, und, und. Kurz: Eine Lebensqualität auf Spitzenniveau.

Es kann also festgehalten werden: Ambitionierte MINT Absolventen tun sich nicht allzu schwer eine Anstellung in Vorarlberg zu finden. Trotzdem, oder gerade deswegen, stellt sich die Frage, wie Technikerinnen und Techniker die positive Großwetterlage so gut wie möglich nutzen können.

Was muss beachtet und getan werden, um beim Berufseinstieg den Traumjob zu landen?

Sabine Graßl, Personalreferentin bei der Firma BHM INGENIEURE in Feldkirch, hat jahrelange Erfahrung mit dem Recruiting von Absolventen aus technischen Studiengängen. Sie hat sich bereit erklärt, für die Beantwortung dieser Frage exklusive Einblicke zu geben. Im Nachfolgenden sind zehn wesentliche Faktoren beleuchtet, die erfolgreiche Kandidaten mitbringen und berücksichtigen sollen.

I. Freude am Beruf
(„Wer seinen Beruf gerne macht, der macht ihn auch gut“)

Mit einer aufrichtigen Freude am Beruf ist schon viel getan. Diese macht einen nachhaltig positiven Eindruck und hält die Motivation dauerhaft hoch. Eine gute Nachricht für alle, die ihrem Beruf leidenschaftlich nachgehen (wollen). Dazu gehört, sich seiner Interessen bewusst zu sein, um zu wissen und auszudrücken, was man gut kann und gerne tut und was nicht.
Unzufriedenheit im Beruf schlägt sich oft auf die Arbeitsleistung nieder und kann auf lange Sicht auch körperlich krank machen. Wenn die Arbeit ein Vergnügen ist, wird das Leben zur Freude.

II. Bereitschaft für Weiterentwicklung
(„Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.“)

Darüber hinaus sollten Wille und Motivation für die persönliche und berufliche Weiterbildung vorhanden sein. Es kann davon ausgegangen werden, dass dies für all jene, die Punkt 1 erfüllen, alles andere als eine unerfüllbare Forderung ist.

III. Interdisziplinäres Denken
(„Über den Tellerrand blicken“)

Laut Frau Graßl sind außerdem Leute stark gefragt, die willens und fähig sind, interdisziplinär zu denken und zu arbeiten. Der berühmte „Blick über den Tellerrand“ ist einfach ungemein wichtig, nicht nur im beruflichen Umfeld!

IV. Wer bereits Berufserfahrung hat, ist dem Rest ein paar Schritte voraus
(„Macht Praktika!“)

Absolvierte Praktika zeugen erstens von wertvollen Soft Skills wie Eigeninitiative und Organisationsvermögen. Zweitens wird in Praktika erste Berufserfahrung gesammelt. Somit wissen Studierende, was sie später erwartet und was im Berufsleben zählt.

Vor allem aber helfen sie, sich frühzeitig für ein Tätigkeitsfeld zu entscheiden und sich dann darauf konzentrieren zu können. In vielen Fällen wird (guten) Praktikant(innen) auch gleich ein Jobangebot gemacht. Eine strategische Auswahl von Berufs- und Ferialpraktika hilft ungemein für den Traumjob. Vor allem hat man auf diese Weise bereits während des Studiums einen Fuß in der Berufswelt.

V. Eine gute Bewerbung schreiben
(„Nehmt euch Zeit und macht es richtig.“)

Wenig überraschend, das sollte im Grunde klar sein. Allerdings ist es immer wieder erstaunlich, wie viele Stellensuchende genau dabei scheitern: Viele versenden die gleichen Unterlagen an sämtliche Unternehmen. Wenig ansprechender (da nicht auf das einzelne Unternehmen zugeschnittener) Inhalt, Copy-and-Paste errors u.a. sind vorprogrammiert. Mehr dazu unter Punkt VIII.

Eine gute Bewerbung beinhaltet:

  • Kurzen Vermerk, wie man auf die Stelle aufmerksam wurde
  • Aussagekräftigen Inhalt (Motivation und wirkliches Interesse an der Stelle klar erkennbar)
  • Bezug zum Unternehmen (Individualität)
  • Gute und übersichtliche Struktur (Nicht zu lang / „Weniger ist mehr“)
  • Hervorhebung wichtiger Soft-skills (teamfähig, flexibel, kompetent im sozialen Umgang, freundlich, ausgewogen usw.)
    Dies kann dadurch erreicht werden, dass man etwas über sich erzählt: Wie ist man so als Person? Engagement in Vereinen? Was sind die Hobbies? Familienleben etc.; Auch die Formulierung ist wichtig und sagt viel aus. Grundsätzlich sollte ein selbstsicherer Eindruck gemacht werden ohne zu sehr von sich selbst eingenommen zu sein.)
  • Keine Lücken im Lebenslauf! Längere Unterbrechungen zwischen einzelnen Stellen oder Ausbildungen machen Personalverantwortliche stutzig. Solche Lücken sollten möglichst erklärt oder zumindest angesprochen werden.
  • Eine sorgfältige Überprüfung auf Rechtschreibfehler

 

Die erwähnten Aspekte mögen allesamt recht grundlegend erscheinen. Umso entscheidender ist es aber, dass die Bewerbung ein abgerundetes Gesamtbild ergibt. Achtung, sehr schnell ist etwas vergessen oder übersehen.

Laut Sabine Graßl können sich Bewerber, die all diese Faktoren berücksichtigen und somit eine wirklich gute Bewerbung verfassen, deutlich von der Masse abheben.

VI. Das Bewerbungsgespräch souverän meistern

Wer das bisher Aufgezählte mitbringt und die nötigen fachlichen Voraussetzungen besitzt, wird sehr wahrscheinlich auch zum Gespräch eingeladen werden. Dies stellt nun die letzte große Hürde dar, die gemeistert werden muss. Sie soll richtig angegangen werden.

Ein sauberes Erscheinungsbild sollte selbstverständlich sein, bemerkt Graßl. Wichtig: Dies ist keine Frage des Aussehens, sondern eine Frage der Körperpflege und -hygiene. Schmutzige Fingernägel, Körpergeruch oder Mundgeruch (auch nur leicht), verschmutzte oder zerschlissene Kleidung gehen gar nicht. Abgesehen davon wären solche Dinge den künftigen Kolleginnen und Kollegen auch nicht zumutbar.

Eine oft gestellte Frage zum Thema Erscheinungsbild betrifft die Kleiderordnung. Hier gibt es im Grunde nur Eines: Sie sollte der jeweiligen Firma und der Stelle entsprechen. In technischen und techniknahen Bereichen darf diese durchaus etwas weniger formell sein. Hier verlangt in der Regel niemand, dass man formell gekleidet in einem Damen- oder Herrenanzug erscheint. Eine Hose oder eine Jeans samt Polo, Hemd oder Bluse sind angemessen und halten die richtige Balance zwischen locker aber seriös.

Ein Insider-Tipp von Sabine Graßl ist außerdem, dass die Kleidung an die eigenen Ambitionen angepasst sein soll. Wer sich im neuen Unternehmen weiterentwickeln will, beispielsweise eine Karriere zur Projekt- oder Bereichsleitung anstrebt, sollte sich auch dementsprechend kleiden – speziell wenn später Kundenkontakt an der Tagesordnung steht. Auf wen dies zutrifft, sollte nicht zögern zum Hemd bzw. zur Bluse zu greifen.

Nachdem nun das Erscheinungsbild geklärt ist, stellt sich die Frage nach dem Ablauf des Gesprächs. Worauf sollten sich Eingeladene einstellen?

Keine Panik: Vor dem Gespräch etwas nervös oder angespannt zu sein, ist ganz normal. Schließlich geht es um etwas. Eine gewisse Anspannung gehört dazu und kann sogar die Performance steigern. Das Gros der Personalverantwortlichen hat auch nicht die Absicht, ihre Gesprächspartner zu verhören und sie mit Fragen wie „Nenne mir drei deiner Stärken und drei Schwächen“ zu löchern, da sie wissen, dass dies wenig zielführend ist. Dennoch sollte man für den Fall der Fälle darauf vorbereitet sein.

Nach einem lockeren Einstieg beginnen die meisten Personalverantwortlichen damit, erst einmal das Unternehmen samt Umfeld vorzustellen. Aktives Zuhören und passende Zwischenfragen signalisieren dabei dem Gesprächspartner Interesse und eine gute Vorbereitung.

Danach folgen Fragen wie „Wieso haben Sie sich für diese Stelle beworben/Weswegen der Wechsel? Was motiviert sie? Wie sind ihre Zukunftsvorstellungen?“

Darauffolgend wird oft auf die Vergangenheit und die persönliche Situation des Kandidaten eingegangen. Fragen zum Lebenslauf gehören hier dazu. Wer sich vorab überlegt, wie er seine Ausbildung und praktische Erfahrung in Relation zum Job setzt, ist im Vorteil.

Vor diesem Hintergrund eruieren schließlich beide Seiten, ob eine zukünftige Zusammenarbeit für sie attraktiv ist. Hierfür ist es elementar, dass die eigenen Vorstellungen klar und ehrlich formuliert werden. Später ist ein böses Erwachen für beide Seiten unangenehm und kann durchaus zu einer frühzeitigen Trennung führen. Dies gilt es auf diese Weise zu verhindern.

VII. Persönliches Auftreten

Während des Gesprächs darf, ja sollte man ungezwungen auftreten und ganz sich selbst sein. Erstens wird so ein souveräner Eindruck gemacht und zweitens ist erkennbar, ob der Charakter zur Firmenkultur passt.

Entscheidend ist es auch, inhaltlich gut vorbereitet zu sein. Es sollte Klarheit darüber herrschen, was das Unternehmen macht, wo es vertreten ist, welche Herausforderungen und Chancen es in der Branche gibt und vor allem wie man mit der eigenen Kompetenz zum Unternehmenserfolg beitragen kann. Letzteres ist im Endeffekt ausschlaggebend.

Für das eigene spätere Wohlbefinden ist es wichtig genau zu wissen, was man will. Ganz gleich ob dies Aufstiegsperspektiven, Höhe des Gehalts, Arbeitszeiten oder anderes betrifft.

VIII. Fettnäpfchen vermeiden

Nachfolgend sind häufig auftretende Fettnäpfchen aufgelistet. Diese sollten unbedingt vermieden werden.

  • Bewerbung als Sammelmail an unterschiedlichste Firmen, die noch dazu alle in cc erscheinen
  • Falscher Name bzw. Firmenname /-adresse (Kopierfehler aus anderer Bewerbung)
  • Stark überzogene Gehaltsvorstellungen
  • Zu spät zum Vorstellungsgespräch kommen
  • Uninformiertheit über das Unternehmen beim Vorstellungsgespräch
  • Keine oder falsche Unterlagen dabei

IX. Seriöse Webpräsenz („Wird in Zukunft entscheidend sein“)

Für viele Personalverantwortliche gehört es mittlerweile zur Praxis: Nachzuschauen, wie sich Kandidatinnen und Kandidaten auf Social Media geben. Widersprüchliche Eindrücke zwischen Bewerbung und Onlineauftritt werden wenig goutiert. Primitive, vulgäre oder in einer anderen Form unseriöse Inhalte sind ebenso tabu. Im Hinblick auf bessere Karrierechancen sollte auf Sauberkeit im Facebook- und Instagram-Profil geachtet werden.

Für einen seriösen Webauftritt werden auch Karriereplattformen wie LinkedIn oder Xing immer wichtiger. Im englischsprachigen Raum ohnehin bereits ein „Must-have“, gewinnen diese auch bei uns laufend an Bedeutung. Sie sind ein sehr geeignetes Tool, um „am Ball zu bleiben“. Wer Unternehmen auf XING und/oder LinkedIn folgt, erfährt nicht nur interessante News vom Unternehmen, sondern kann eventuell auf diesem Weg sogar den Traumjob finden. Besonders im internationalen und akademischen Umfeld weiß man die Vorzüge zu schätzen und dementsprechend ist eine Präsenz auf LinkedIn dort bereits üblich.

X. Sich auf die neue Aufgabe freuen

Eine fertig ausgebildete MINT-Fachkraft, die all dies beachtet, hat unzweifelhaft ganz hervorragende Chancen auf ein erstklassiges Angebot. Ein Letztes, das nach erfolgter Zusage geprüft werden sollte, ist, ob man sich auf den Einstieg im neuen Unternehmen auch wirklich freut. Falls dem so ist, ist das ein positiver Indikator für eine spätere Erfüllung im Berufsleben.

Immerhin ist es das, was für eine aufregende Technikkarriere im chancenreichen Vorarlberg zählt.

ZUR PERSON

Sabine Graßl, Personalreferentin bei BHM INGENIEURE

  • Kaufmännische Ausbildung in der Steiermark und seit 25 Jahren in Vorarlberg.
  • Über 12 Jahre Erfahrung im technischen Einkauf und 7 Jahre im Recruiting von Bauingenieuren.

 

Was ich MINT-Absolventen mitgeben kann…

„Karrieremessen nutzen, um den Erstkontakt zu Unternehmen herzustellen. Auch hier gilt: Gut vorbereitete Interessenten mit mitgebrachten Fragen bleiben positiv in Erinnerung!

Vielleicht ergibt sich beim Besuch einer Jobmesse schon die Möglichkeit, sich einen Praktikumsplatz zu sichern. Generell ist eine frühzeitige Bewerbung ratsam. Viele Unternehmen, auch BHM INGENIEURE, vergeben ihre Praktikumsplätze bereits im Jänner und im Februar. Wer spät dran ist, muss nehmen, was übrig bleibt …“

„Plattformen wie LinkedIn und XING ermöglichen es, über interessante News von Unternehmen zu erfahren und bieten Chancen vielfältiger Art. Schon so mancher Absolvent hat über solch eine Karriereplattform den Traumjob gefunden!“

Anton Herburger ist Student an der St. Mary’s University in London und absolvierte von Juni bis Juli 2018 und von Juli bis August 2019 ein Praktikum bei der Wirtschafts-Standort Vorarlberg GmbH.

Er interessiert sich für seine Heimat Vorarlberg, Hintergrundgeschichten, Wirtschaft und Wirtschaftsformen, Ökonomie, Wohlstand und Fortschritt.

©Clemens Nestroy

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