Im Westen Österreichs, genauer gesagt in Vorarlberg, gibt es eine Region, in der einige Dinge augenscheinlich sind.

Es gibt dort Häuser, die optisch und in ihrer Materialbeschaffenheit derart hochwertig und ansprechend sind, dass sie eine Strahlkraft und eine Vorbildfunktion weit über die Regionalgrenzen hinweg entwickelt haben. Nun gibt es von ihnen aber nicht nur eine Hand voll, nein, es gibt beinahe unzählige von Ihnen. Auch Fabriken, Gasthäuser und Hotels beeindrucken mit sauberer Erscheinung, erstklassiger Materialisierung und zeitlosem Aussehen.

Handwerk beschränkt sich in dieser Talschaft aber nicht nur auf Gebäude.

Auch die Möbel, Gebrauchsgegenstände und Einrichtungselemente in den Häusern bestechen in ihrer Ästhetik mit perfekter Verarbeitung von ausgesuchten Materialen.

Es dürfte nun kaum mehr überraschen: Die Rede ist vom Bregenzerwald. In dieser Region im Nordosten Vorarlbergs üben sage und schreibe 40 Prozent aller Erwerbstätigen einen handwerklichen Beruf aus. Die hohe Dichte an handwerklichen Betrieben ist speziell in der Holzverarbeitung bezeichnend: Auf 26 Gemeinden fallen über 40 Zimmerei- und Tischlereibetriebe. Und die Branche floriert. Die Auftragslage ist sehr gut, und die Auslastung der zahlreichen Betriebe ist bereits seit Jahren auf sehr hohem Niveau.

Wer das Handwerk im Bregenzerwald genauer unter die Lupe nehmen möchte, wird schnell erkennen, dass es sich um weit mehr als um einen bloßen Erwerbszweig handelt. Die Branche ist Motor für Entwicklung und Innovation und das Handwerk im Bregenzerwald ist eng und untrennbar mit einer gesamtgesellschaftlichen Haltung verbunden.

Die Bregenzerwälder sind Menschen, die gerne arbeiten und tüfteln. Die sich nicht mit bekannten Standards zufrieden geben. Die permanent nach neuen, praktischen und nützlichen Lösungen suchen. Dabei ist ihnen hohe Materialqualität und perfekte Verarbeitung wichtig. Sie orientieren sich an Neuheiten, an Designfragen und an Erfordernissen der Zeit, ohne dabei ihre Werte schnelllebigen Strömungen anzupassen. So erlangen ihre Produkte eine Zeitlosigkeit, die sie auch nach Jahrzehnten noch äußerst ansprechend wirken lassen.

Möglich ist all dies durch eine lange Handwerkstradition mit in Breite und Tiefe stark ausgeprägtem Materialwissen. Damit gemeint ist in diesem Zusammenhang die Auswahl, der Umgang, die Lagerung, schlussendlich die Verarbeitung, und, nach Fertigstellung, die Behandlung und Pflege des Produkts.

Beispiel Holz: Die Holzwerkstatt Markus Faißt – ein Pionierbetrieb aus Hittisau – schöpft aus dem Fundus des über Generationen angehäuften Wissens, bringt sie mit neuen Ideen zusammen und erschafft damit Einzigartiges. Im Betrieb wird die Schlägerung der Bäume nach Kriterien wie Ort, Jahreszeit und Mondphasen von den Tischlermeistern persönlich ausgewählt. Außerdem stellen sie eine sorgfältige Erstverarbeitung auf einer regionalen Sägerei sicher. Anschließend wird es in extra dafür vorgesehenen Lagern unter optimalen Bedingungen luftgetrocknet. Wenn das Holz den idealen Zustand erreicht hat, wird es von den Experten schließlich fachmännisch verarbeitet. Dabei wissen diese, was sie für ein gutes Ergebnis beachten müssen. Zum Beispiel, welche Holzverbindungen zur Anwendung kommen und welche Oberflächengestaltungen und -behandlungen die jeweilige Holzcharakteristik optimal zur Geltung bringen. Das Ergebnis sind Produkte, die in ihrer Qualität und sorgfältigen Herstellung ihresgleichen suchen.

Markus Faißt, Gründer, Geschäftsführer und Tischlermeister im Betrieb, beschreibt das Erfolgsgeheimnis des Bregenzerwälder Handwerks mit den Worten:

„Bei der reichen Tradition des Bregenzerwälder Handwerks, geht es darum diese nicht nur museal zu betrachten und zu verwalten, sondern kraftvoll weiter zu entwickeln, eine starke Geschichte weiter zu schreiben.“

Markus Faißt

Holzwerkstatt Markus Faißt e.U.

Handwerksstücke aus dem Bregenzerwald überzeugen mit Eigenschaften, welche die Philosophie der Handwerker widerspiegelt. Die Kunsthistorikerin und ehemalige Geschäftsführerin des Werkraums Bregenzerwald, Renate Breuß, beschreibt diese Philosophie folgendermaßen:

„In der Formensprache überwiegt ein klarer, sachlicher Stil, praktisch und nützlich, schön und funktional.“

Dr. Renate Breuss

Mit dieser Philosophie sind die Bregenzerwälder sehr erfolgreich. Architekten von internationalem Ruf wüssten die außergewöhnlich guten Handwerker aus dem Bregenzerwald zu schätzen, sagt Renate Breuß. Dies und der Umstand, dass regelmäßig zahlreiche Preise und Auszeichnungen in die Region gehen, sind grundlegend für das erstarkte Selbstverständnis der Bregenzerwälder Handwerkerszene.

Durch Initiativen wie dem Wettbewerb Handwerk+Form werden Leistungen und Innovationen gezielt gefördert und gefordert. Betriebe aus der ganzen Talschaft reichen ihre Werkstücke ein und erhoffen sich eine Auszeichnung. Ausgerichtet wird der Wettbewerb vom Werkraum Bregenzerwald. Die Ergebnisse sind immer wieder aufs Neue bemerkenswert.

Der Erfolg des Bregenzerwälder Handwerks gründet auf einer Wissenskultur, neudeutsch Know-how. „Diese gilt es zu erhalten und zu fördern“, betont Renate Breuß.

Die Werkraumschule Bregenzerwald hat sich das zum Ziel gemacht. Sie wurde vor zwei Jahren aus der Taufe gehoben und kombiniert auf neuartige Weise Lehre und Fachschule in einer 5-jährigen Ausbildung. Der Andrang auf dieses neue Modell ist groß: Bisher wurden jährlich mehr Bewerber als Plätze verzeichnet. Die Schüler haben somit nach der Absolvierung einen Lehrabschluss und einen Handelsschulabschluss inkl. Unternehmerprüfung in der Tasche. Sie werden ihre Kompetenz durch Mitarbeit und dem Sammeln praktischer Erfahrungen in Bregenzerwälder Betrieben vertiefen und somit das regionale Handwerk weiter stärken und bereichern. Auf diese Weise bleibt die Wissenskultur dieser besonderen Region auch für die nächsten Generationen erhalten.

Die Pflege und Weiterentwicklung der Wissenskultur, die Kombination von Tradition und Moderne, die hohe Dichte an Betrieben und ihre hohe Auslastung, das Florieren neuer Initiativen und Langzeitprojekte – dies alles spricht für die Bregenzerwälder Handwerkskultur und lässt optimistisch auf eine positive Zukunft blicken. Auf dass noch für lange Zeit Form, Funktion, Innovation und die schlichte Schönheit der regionalen Handwerkskunst beeindrucken…

Apropos: Es sind nur noch gut zwei Monate bis zum Start der Ausstellung des Wettbewerbs Handwerk+Form 2018. Hier werden sich wieder die besten Handwerksbetriebe aus der Talschaft mit ihren Pionierleistungen gegenseitig überbieten.

Wer wohl diesmal ausgezeichnet werden wird? Es wird spannend.

www.werkraum.at

Anton Herburger ist Student an der St. Mary’s University in London und absolvierte von Juni bis Juli 2018 und von Juli bis August 2019 ein Praktikum bei der Wirtschafts-Standort Vorarlberg GmbH.

Er interessiert sich für seine Heimat Vorarlberg, Hintergrundgeschichten, Wirtschaft und Wirtschaftsformen, Ökonomie, Wohlstand und Fortschritt.

©Metzler – naturhautnah.at, Darko Todorovic – Vorarlberg Tourismus, Florian Holzherr – Werkraum Bregenzerwald, Andreas Riedmiller – Bregenzerwald Tourismus, Adolf Bereuter – WKV, Holzwerkstatt Faißt, Werkraum Bregenzerwald

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